Aus Wolgograd/Stalingrad zurück
 
Mit 9 geländegängigen Autos sind wir Anfang August 2012 zu einer Erlebnisreise nach Russland gestartet, bei denen die Teilnehmer, die sich für diese Reise aus ganz Deutschland zusammengesetzt haben, in 20 Tagen 7.200 Kilometer auf zum Teil extrem schlechten Straßen gefahren.
Etappenziel war die jetzige Stadt Wolgograd, die als Stalingrad traurige Berühmtheit erlangte.
In Tarnow, im Südosten von Polen begann diese Erlebnisreise. Bis dahin hatten einige Teilnehmer schon mehr als 1000 Kilometer Anreise hinter sich. Das erste Erlebnis war, dass dort auf dem Campingplatz eine Hochzeit gefeiert wurde. Braut und Bräutigam kamen zu uns und entschuldigten sich mit einem großen Kuchenpaket bei uns, weil es am Abend etwas lauter werden könnte. Super.
Bei Lviv/Lemberg ging es in die Ukraine. Man konnte sehr gut feststellen, dass hier ein Austragungsort der Fußball EM 2012 war. Saubere und frisch geteerte Straßen. Dann ging es quer durch die Ukraine und durch Städte, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Vormarsch der Wehrmacht vor 70 Jahren standen. Vinnyca, die Kesselschlacht bei Uman, Dnipropetrovsk und Doneck, das früher Stalino hieß. Und hier sah die Asphaltdecke aus wie ein schwarzes Wellenmeer.
Die Route durch die Ukraine bis nach Mariupol am Asowschen Meer betrug alleine über 1.200 Kilometer und dauerte bei lebhaftem Verkehr und Kolonnenfahrt ganze 3 Tage. Kolonnenfahrten sind grundsätzlich nicht ganz einfach. Auch wenn wir alle mit CB-Funkgeräten ausgestattet waren und uns während der Fahrt verständigen konnten. Aber Menschen müssen auch mal Picknick machen und auch die Autos hatten Durst. Der Überholvorgang eines LKW mit 9 Autos kann dann durchaus mal 15 Minuten oder 20 Kilometer dauern.
Aber dann lag endlich die Grenze nach Russland vor uns. Entgegen der Befürchtungen verlief die Abfertigung mit Sichtkontrollen, Zollprüfung, Formularen und Stempel in recht entspannter Atmosphäre. Nun ja, ganz entspannt ist man bei Grenzübertritten nie. Und so geschah es dann auch, dass einem Teilnehmer ein Dokument nicht eindeutig zuzuordnen war. (Identität Fahrer und Fahrzeughalter durch Zulassung als Firmenfahrzeug) Die Abfertigung durch die Grenzbeamten war durchaus als korrekt zu bezeichnen. In diesem Fall leider etwas übertrieben korrekt. Fazit war, dass wir Russland nur mit 8 Autos erreicht haben. 1 Teilnehmer musste umkehren. Er hat dann 10 Tage Urlaub auf der Krim gemacht und auf unsere Rückkehr gewartet.
Nun hieß die Währung Rubel mit einem Umrechnungskurs von 1:40 und alles stand in kyrillischer Schrift. Auch wenn wir zuvor die Buchstaben geübt haben, so schnell kann man die Worte nicht entziffern. Unser erster Tankstopp verlief trotz des erfreulichen Preises von 0,70 € pro Liter dann etwas hektisch. „Ist dieser Zapfhahn wirklich Diesel?“ „Hier kommt Nichts raus“. Und das Kassenpersonal war ob des überfallartigen Ansturmes von 8 ausländischen Autos oft überfordert, denn in Russland geht man erst zur Kasse, sagt die Säule (wir benutzten die Finger) und gab dann an, wie viel Liter Diesel man haben wollte. Nach der Bezahlung wurde die Zapfsäule freigegeben. Man kann sich leicht vorstellen, dass das Personal schnell überfordert war, wenn plötzlich alle Zapfsäulen im Dauerbetrieb waren.
Die Tankstellen sind im Regelfall recht neu. Den Besuch einer Tankstellentoilette sollte man sich im Sinne des Wortes aber lieber verkneifen. Die Natur ist da viel hygienischer.
Und dann erwischte uns gleich das nächste Problem. Kartenzahlungen an Tankstellen gehen nur an den großen Durchfahrtsstraßen. Also war Bargeld angesagt. Bargeld bekommt man aus dem Bankomat – wenn man weiß, wo einer ist.
Samstag um 17.00 Uhr ist auch in Russland keine Bank mehr geöffnet. Allein der Gedanke, mit 8 Autos in einer großen Stadt eine Bank zu suchen, trieb mir als Organisator den Schweiß auf die Stirn. Aber wenn jemand kein Bargeld mehr hat,
was soll man tun. Trotz technischer Hilfsmittel wie Navigationssysteme ist man froh, wieder auf der einsamer Landstraße zu sein.
Etwas mehr Freude als Tanken und Bank suchen, machte der Einkauf von Lebensmitteln. Überall gibt es kleine Läden. Und nach ein paar Tagen hatten wir uns so gut an die Kyrillische Schrift gewöhnt, dass wir das Wort „Magazin“ gut entziffern konnten. Lebensmittel sind auch in Russland teurer geworden, aber für unsere Verhältnisse noch recht günstig. Und es gibt in Russland keinerlei Versorgungsengpässe. Alles gibt es ausreichen. Und Melonen im üppigen Überfluss.
Wir durchfuhren die Stadt Rostov am Don, die im Krieg 2x zerstört wurde.
Schlechte Wegstrecken waren mit unseren Geländewagen kein Problem. Und um solche Routen kam man nicht umhin, weil es keine andere Verbindung von Ort zu Ort gab. Doch wenn wir recht langsam und vorsichtig auf solchen Pisten fuhren, wurden wir mitunter von einem Russen im PKW überholt.
Und so haben wir dann auf einer dieser abgelegenen Strecken auch einen schönen Übernachtungsplatz gefunden. Direkt am Ufer des Don. Mit unserem Bett als Zelt auf dem Autodach haben wir mit Übernachtungen in freier Natur keine Probleme. Und so konnten wir bei überaus sommerlichen Abend-Temperaturen in gemütlicher Runde nach dem Abendessen bei untergehender Sonne zusammen sitzen, ein Bier genießen und auf den Don schauen. Welch Gefühl. Greifbar nahe fuhren die großen Containerschiffe an uns vorbei, die vom fernen Moskau über die Wolga und den Wolga-Don Kanal, den Don ins Asowsche Meer fuhren und von dort wahrscheinlich weiter über die Meerenge von Kerk ins Schwarze Meer und weiter über den Bosporus ins Mittelmeer. An solchen schönen Plätzen findet man aber überall leider nach wie vor sehr viel Müll.
Unweit von uns steht die alte Hauptstadt der Don-Kosaken, die wir natürlich besichtigten. Etwas länger als vorgesehen, denn an einem Fahrzeug war ein Defekt am Antriebstrang aufgetreten. Jetzt, hier zu Hause, klingt es eigenartig, wenn man sagt: „Ein Kosake hat eine Schweißnaht gesetzt“. Aber so war es.
Dann leitete uns der Fluss Don bis zum Wolga-Don Kanal, an dem auch deutsche Kriegsgefangen mitgearbeitet haben und viele von Ihnen ihr Leben ließen.
Jetzt waren es nur noch 200 Kilometer bis Wolgograd und im Organisationsfahrzeug wurde heftig telefoniert. Über die in der Vorbereitung zu dieser Reise geknüpften Kontakte haben wir uns ein Hotelzimmer reservieren lassen. Es ist unserer Kontaktperson sogar gelungen noch einen Reisebus zu organisieren. Unsere Fahrt, hinein in die Stadt Wolgograd, die 90 Kilometer lang ist und nur 9 Kilometer breit, verlief völlig anders als erwartet. Man überholte unsere Fahrzeugkolonne, es wurde gehupt und gewunken und uns durch das offene Fenster freundliche Worte zugerufen. Das hätten wir nicht erwartet. Es erfreute die Menschen, dass Deutsche ihre, als Stalingrad bekannt gewordene Stadt besuchten.
Nach einer Woche hatte das Duschbad jetzt erst einmal erste Priorität. Dann stand der Bus vor der Tür und unsere Stadtführerin hat uns mit viel Elan alles über ihre Stadt gesagt und gezeigt. Wir standen vor dem Haus, in dem Paulus damals verhaftet wurde, haben die vielen Gedenkstätten und Mahnmale gesehen, haben den damals so heftig umkämpften Mamajev Hügel bestiegen, auf dem heute die Statue „Mutter Heimat“ steht und haben auf dem deutschen Soldatenfriedhof eine Kerze abgestellt. Beim Anblick der vielen Quader, in die tausende von Namen der Gefallenen gestanzt waren und die langen Reihen der Stahlhelme mit Einschusslöchern musste jeder für sich und allein die Situation wirken lassen.
Welch ein Wahnsinn, der damals dort passiert. Und heute – 70 Jahre danach, stehen 14 Deutsche Touristen an dem Ort, der so viele Tote forderte.
Aber wir waren ja auf einer Urlaubsreise. Es ging weiter. Weiter nach Süden, zum heiligen Berg Bogdan und dem vorgelagerten Salzsee. Dieser Salzsee ist auch für die Russen ein beliebter Badeplatz, sodass wir dort sogar einen kostenpflichtigen Parkplatz vorfanden. Fast touristisch erschlossen. Mit einem alten Motorrad mit umgebauten Beiwagen wurden wir gegen eine geringe Gebühr mit jeweils 4 Personen von einem Mongolen auf eben diesem Motorrad zum Badeplatz gefahren.
Der Salzgehalt entspricht dem des Toten Meeres und es war ein Vergnügen, bei 38 Grad Außentemperatur in dem See zu baden. Die anschließende Dusche hinter einem Bretterverschlag war ebenso ungewohnt wie lustig. Dann fuhren wir 80 Kilometer durch die Steppe. Die im Navigationsgerät verzeichneten Straßen entpuppten sich als Pisten, die manchmal im Nichts verschwanden. Und auch hier haben wir Russen getroffen, die mit ihren PKWs diese Strecken fuhren. Da halfen nur noch der Kompass und die Himmelsrichtung, um wieder eine befestigte Straße zu finden. Man konnte in diesem Gebiet tatsächlich dem Irrglauben verfallen, man sei mitten in Afrika. Aber die Realität sagte uns, dass wir uns in unmittelbarer Nähe der geographischen Grenze zu Asien befanden.
Gen Süden hat die Wolga enorm viele Nebenarme, bevor sie sich im Delta teilt und ins Kaspische Meer fließt. Das Kaspische Meer ist der größte Binnensee der Welt, mit über 1000 Kilometer Länge. Direkt am Wolga Delta liegt die Stadt Astrachan. Inmitten dieser Stadt überkam uns abermals der dringende Wunsch nach einer Dusche. Somit begann für uns die Suche nach einem Hotel, das wir auch direkt an der Ufer Promenade fanden. Und just, als wir eingecheckt hatten, gab es in der ganzen Stadt Stromausfall. Dass wir nun unser Handgepäck zu Fuß in den 6 Stock tragen mussten, war das kleinere Übel. Es gab auch keinen Wasserdruck. Aber nach 1 Stunde gab es dann doch noch vor dem Abendessen das ersehnte Duschbad.
Noch lange haben wir auf der Promenade gesessen und ganz viele Gespräche geführt, denn alle Leute haben uns natürlich sofort als Touristen erkannt und wollten
nun wissen woher wir kommen, was uns in diese abgelegene Stadt führt. Immer wieder wurden wir und unsere Autos fotografiert. Kaum jemand konnte glauben, dass man von Deutschland hier her mit dem Auto fährt.
Wir aber wussten natürlich genau, was uns nach Astrachan führte. Im Delta gibt es die einzigen freiwachsenden Lotusblüten in Europa. Und dort wollten wir hin.
Noch einmal sind wir 60 Kilometer tief in das Delta eingedrungen. Bis in die letzte, auf Straßen erreichbare Besiedelung. Aber es war gar nicht so einfach jemanden zu finden, der uns – natürlich gegen Bezahlung – mit dem Boot dorthin transportieren wollte. Tourismus scheint hier noch ein Fremdwort zu sein. Dann hat es aber doch noch geklappt. Bei unserem Bootsausflug haben wir dann eine einzigartig schöne Natur bewundern können, haben Weißkopfadler gesehen und die riesigen Felder von Lotusblüten. Es war schöner als erhofft. Mit heftigem Sonnenbrand haben wir dann nach 3 Stunden wieder festen Boden erreicht und sind weiter gefahren.
Vor uns lag nämlich gleich das nächste Highlight. Die Kalmückien Steppe. Über mehrere Hundert Kilometer zieht sich eine schnurgerade Straße durch eine Landschaft vom Nichts. Steppe, soweit das Auge reicht. Das Thermometer erreicht die 50 Grad Marke und es wehte ein heißer Wind. Noch um 22.00 Uhr hatten wir 36 Grad. In der Nacht viel dann die Temperatur auf angenehme 24 Grad runter, die dann aber schon beim Frühstück wieder auf über 30 Grad stieg.
In dieser flachen und trockenen Steppe könnte man dem Irrglauben verfallen, in der Mongolei zu sein. Und ganz weit entfernt ist dieser Glaube nicht einmal, denn in hier leben tatsächlich überwiegend Mongolen. Und mitten in dieser fast menschenleeren Steppe liegt die Stadt Elista. Und in Elista befindet sich in dem buddhistischen „Golden Tempel“ die größte Buddha Statue von Europa. Dort vor dem Tempel erklärte uns ein Mönch, dass wir seit vielen Jahren die ersten Deutschen sind, die Elista mit einem Fahrzeug besucht haben. Ich muss kaum erwähnen, dass er unbedingt ein Foto von uns haben wollte. Gern.
Der Karte nach befanden wir uns jetzt bereits auf der Route nach Westen, also Richtung Heimat. Aber es sollte abermals 3 Tage dauern, bis wir nördlich an Krasnodar die Küste vom Schwarzen Meer erreichen würden, denn 70 Km vor der Meerenge zur Halbinsel Krim wurden wir durch einen Motordefekt abermals aufgehalten. Die Fachleute in unserem Team machten sich an die Arbeit. Konnten aber nur feststellen, dass es sich um einen schwerwiegenden Defekt handeln muss, den wir auf keinen Fall mit bordüblichem Werkzeug beheben können. Da die Grenze zur Ukraine nicht weit war, haben wir das Auto mittels Abschleppstange zur Grenze und auf die Fähre geschleppt. In der ukrainischen Hafenstadt Kerk haben wir das Auto erst einmal deponiert und das Wochenende wechselweise mit baden im Schwarzen Meer und im Asowschen Meer verbracht. Ein Blick auf die Karte verrät, dass zwischen diesen beiden Meeren und an dieser Stelle nur wenige Kilometer Land liegen. Nach endlos scheinenden Wartestunden war dann endlich klar, dass das Auto einen erheblichen Motorschaden hat und eine Reparatur und/oder Weiterfahrt nicht möglich war. Wir mussten das Fahrzeug in der Ukraine stehen lassen. Zum Glück hatten wir in unserer Gruppe einen weiteren „Einzelfahrer“ sodass der Fahrer vom defekten Auto die Reise – nunmehr als Beifahrer- fortsetzen konnte. Über die Zatoka-Landzunge haben wir die Krim gen Norden verlassen. Allerdings nicht, ohne noch einmal an dem 60 km und fast menschenleeren Strand übernachtet zu haben. Im Licht der Scheinwerfer unserer Autos haben wir zum Abschied um 22.00 Uhr noch ein nächtliches Bad genommen.
Nun lagen nur noch 2.800 Kilometer Rückreise bis Helmstedt/Offleben vor uns.
Die wichtigste Tagesaufgabe war es, immer ein schönes Plätzchen für die Übernachtung zu finden. Auf der Suche nach so einem Platz gab uns dann ein Ukrainer per Handzeichen zu verstehen, in welche Richtung wir fahren sollten. Wir hatten gerade unser Camp aufgebaut und das erste Bier in der Hand, als genau dieser ältere Herr laut rufend und gestikulieren auf uns zugerannt kam. Nun dachten wir natürlich zuerst einmal, dass er uns beschimpft. Und da lagen wir trotz aller Sprachprobleme auch nicht falsch, denn wie uns unser russisch sprechender Teilnehmer bestätigte, hat er uns als Deppen bezeichnet und dass er nicht verstehen könne warum wir Deutschen denn so doof seinen, an so einem blöden Platz zu campieren, wo es doch 1 Kilometer weiter so ein tolles Plätzchen gab. Er hätte uns doch eindeutig die Richtung gezeigt. Als wir am nächsten Morgen diesen, für uns sehr schönen Platz mit Seeblick verlassen hatten und schon wieder einige Kilometer auf der geteerten Straße waren, hatten wir den dritten Kontakt mit diesem Herrn. Mit seinem alten Auto hat er uns laut hupend überholt. Dann ist er aus dem Auto gesprungen, hat den Kofferraum geöffnet und uns 20 kg Äpfel geschenkt, die er am Morgen frisch für uns gepflückt hatte. Dann war er verschwunden. Welch Erlebnis.
Der Rest war dann nur noch die Wartezeit an der Grenze zu Polen. Hier ist offensichtlich ein vermindertes Arbeitstempo an der Tagesordnung. Immer mit dem Hinweis: „EU-Außengrenze“.
200 km weiter erreichten wir dann die Stadt Tarnow. Die Stadt, in der 3 Wochen zuvor unsere Erlebnisreise seinen Anfang hatte.  
http://www.safaricar.de/index.php/bilder/category/35-stalingrad 
 

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